Geschichte der Gemeinde

Die Anfänge der Marienpfarre liegen im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, das der Stadt Neuss eine in jeder Beziehung lebhafte Entwicklung brachte und von einem rapiden Ansteigen der Einwohnerzahl begleitet war: 1885 zählte die Stadt 20.000 Einwohner, 1895 25.000, und bei der Jahrhundertwende waren es bereits 28.000 Einwohner. Bis auf einige Bauernschaften, Höfe und Wohnplätze im Norden und Nordwesten der Stadt, die mit rund 1.000 Seelen 1888 der neugebildeten Pfarre St. Joseph zu Weißenberg zugeteilt wurden, bildete der gesamte Stadtbezirk, wie im Mittelalter, immer noch eine einzige Pfarre mit der ehemaligen Stiftskirche zum Hl. Quirinus als Pfarrkirche; als Hilfs- oder Nebenkirche stand lediglich noch die Sebastianuskirche an der Niederstraße zur Verfügung.

Die wachsende Zahl der Einwohner und der katholischen Gläubigen, die rund 90 Prozent der Bevölkerung ausmachten, ließen die Bildung eines zweiten Seelsorgebezirks notwendig erscheinen.

Dahingehende Bestrebungen führten 1890 zur Gründung eines Kirchbauvereins. Zur Patronin der zu erwartenden neuen Gemeinde wählte man die Gottesmutter, die Immaculata; auch im alten Neuss hatte es eine Marienkirche, eine Liebfrauenkapelle gegeben; sie wurde zu Anfang des 13. Jahrhunderts an der Ecke Krämergasse/Markt errichtet, beim Stadtbrand 1586 schwer beschädigt und später abgebrochen.

1896 erfolgte die behördliche Abgrenzung des neuen Seelsorgebezirks, dem zunächst die ehemalige Konventskirche zum Hl. Sebastianus als Gotteshaus zugewiesen wurde. Aber noch im gleichen Jahre konnte an der Kapitelstraße mit dem Bau einer schlichten Notkirche begonnen werden, für die der Bankier Barthel Le Hanne das Grundstück zur Verfügung gestellt hatte.

Der Erhebung des Rektorates zur selbständigen Pfarre St. Marien zum 1. Januar 1899 folgte wenig später der Baubeginn einer großen, vom Neusser Regierungsbaumeister Julius Busch entworfenen Marienkirche auf dem ehemaligen städtischen Friedhof vor dem Niedertor, der nach 1874 aufgelassen worden war. Am 1. April 1902 konsekrierte der Kölner Erzbischof Hubertus Simar die Marienkirche, deren Bau und Ausstattung durch ansehnliche Spenden und Stiftungen seitens der Pfarreingesessenen wesentlich gefördert wurden. Um diese Zeit zählte die Marienpfarre um die 10.000 Seelen und die Quirinuspfarre immer noch rund 15.000 Seelen. Die Seelsorge unterstützen zahlreiche kirchliche Vereine, die zu den größten Vereinen der Erzdiözese heranwuchsen. Als Pfarr- und Vereinsheim diente das 1906 an der Kapitelstraße errichtete Marienhaus, in das die frühere Notkirche als Saal einbezogen wurde.

Die rege Bautätigkeit in dem "hinter der Bahn" gelegenen Teil der Pfarre hatte schon früh den Gedanken geweckt, hier einen weiteren Seelsorgebezirk abzutrennen und eine Kirche zu bauen, aber man entschloß sich zunächst zur Bildung eines Barbarabezirks an der Düsseldorfer Straße, für den 1924 eine Kapellenbaracke als Notkirche, dann 1933 die heutige Barbarakirche errichtet wurde. Zu diesem Zeitpunkt betreuten ein Pfarrer und vier Kapläne in der Marienpfarre zusammen mit dem Barbarabezirk, der erst 1952 zur Pfarre erhoben wurde, 20.000 Seelen.

Mit der aus seinerzeit aktuellen liturgischen Gründen gebotenen Verwirklichung des Planes, den niedrigen Hauptchor der Kirche höherzulegen, entstand 1936 unter dem Chor eine Krypta, die sich sehr bald unter dem Druck der NS-Zeit für Gottesdienste, Unterricht und Zusammenkünfte als sehr willkommen und nützlich erweisen sollte. Vereinsverbote durch die damaligen Machthaber trafen auch die Marienpfarre, deren Pfarrleben von jeher durch äußerst rege Vereine gestärkt und gefördert wurde. Der zweite Weltkrieg machte alles zunichte: Die Gemeinde schmolz bis auf wenige tausend Menschen zusammen, und von der prächtigen neugotischen Marienkirche standen am Ende nur noch die nackten Umfassungsmauern. Sebastianuskirche und Marienhaussaal mußten wieder als Notkirche dienen, bis auch sie in Trümmer lagen.

Mit dem Patronatsfest am 8. Dezember 1945 regte sich wieder neues Leben. Im Marienhaussaal konnte der erste Gottesdienst gehalten werden. Der Wiederaufbau der Kirche nahm Jahrzehnte in Anspruch und ließ sich im Inneren wie im Äußeren nur in stark vereinfachter Form verwirklichen. Am 2. Juli 1950 gab Kardinal Frings sie mit einem feierlichen Pontifikalamt dem Gottesdienst zurück. Mit einer veränderten Chorpartie, die in den 60er Jahren neuen liturgischen Vorschriften entsprechend noch einmal umgestaltet wurde, erhielt die Kirche im wesentlichen die heutige Gestalt. Neuer Innenputz, neue Ausmalung und neue Fußbodenheizung bildeten bis 1981 den letzten Abschnitt einer über 30jährigen Instandsetzungsperiode.

Von der künstlerischen Ausstattung seien nur erwähnt: Die Pieta von Hein Minkenberg (1928), das Fresko über den Chorarkaden, Peter Heckers letztes Monumentalwerk (1959), die figürlichen Chorfenster von Walter Benner (1953), die Seitenschiff-Fenster von Paul Weigmann (1976) und, als in jüngster Zeit geschaffenes Kunstwerk, der Fensterzyklus von Emil Wachter. Er umfaßt die großen Querhausfenster, die oberen Fenster im Langhaus sowie die Fenster in den Chorseitenkapellen, über dem Hauptportal und am südwestlichen Seiteneingang, sowie der Pieta-Kapelle (1986-1992). - Eine ausführliche Beschreibung der Kunstwerke finden Sie im Kunstführer Nr. 1864 aus dem Verlag Schnell & Steiner, München und Zürich, der im Pfarramt erhältlich ist. -

Caritatives Wirken, soziale Fürsorge und pfarrverbundenes Gemeindebewußtsein, die 1901 mit der Einrichtung des ersten Kindergartens und der Gründung einer Arbeiter-Wohnungsgenossenschaft unter maßgeblicher Beteiligung führender Männer der Pfarre erste Marksteine setzen ließen, haben in St. Marien eine lange und erfolgreiche Tradition, die sich bis in die Gegenwart fortgesetzt hat mit Kindergärten, Kindertagesstätten, Altentagesstätten, Wohnungsbau und Pfarrzentrum im neuerbauten Marienhaus: Die alten Baulichkeiten an der Kapitel- und Tückingstraße mußten 1973-75 einem neuen Marienhaus weichen, in dem auch die vom Erzbistum Köln unterhaltene Katholische berufsbildende Fachschule untergebracht ist.

Schon im Jahre 1910 erbauten die Kamillianer, ein Krankenpflege- und Seelsorgeorden, am Glehner Weg im Westen des Pfarrgebietes ein Kloster mit Altersheim und Kirche, die im zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Durch den Einsatz der Kamillianer entstand ein eigener Seelsorgebezirk, das sog. "Kamillusviertel".

Leider mußte die deutsche Ordensprovinz der Kamillianer aus personellen und finanziellen Gründen zum 30.09.1997 ihre Neusser Niederlassung schließen. Die 1973 als Filialkirche von St. Marien neuerrichtete Kamilluskirche wird aber auch in Zukunft den Gläubigen im westlichen Pfarrbezirk offenstehen.

Nach der Abtrennung des 1952 zur Pfarre erhobenen Rektorates St. Barbara brachte die Bevölkerungsentwicklung und der damit verbundene rege Wohnungsbau in der Nordstadt das vor Jahrzehnten bereits erwogene Projekt einer weiteren Pfarrgründung der Verwirklichung näher: 1955 wurde die Pfarrgemeinde Christ König gebildet, zu der die Marienpfarre den Hauptanteil stellte und einen Bereich mit rund 4.000 Seelen abgab. Damals konnte noch niemand ahnen, daß das Gebiet westlich des Nordkanals in so starkem Maße bebaut werden würde. So beließ man dort die Bahnlinie nach Mönchengladbach als alte Pfarrgrenze zwischen St. Josef und St. Marien bestehen.

Der unbefriedigende Zustand, daß somit das Gebiet der heutigen Klever Straße zur Pfarre St. Josef gehörte, wurde 1997 durch die Umpfarrung nach St. Marien beendet. Gründe dafür waren u.a. die Zugehörigkeit des Schulbezirks zur katholischen Grundschule Görresschule, die Nähe zweier Kindergärten der Marienpfarre und die Kamillus-Kirche als das fußläufig nächstliegende Gotteshaus.

Anfang der neunziger Jahre wurden wegen des immer größer werdenden Priestermangels die Pfarrgemeinden in der Erzdiözese Köln sogenannten Seelsorgebereichen zugeordnet. Die Pfarrgemeinden St. Marien und St. Barbara bildeten den Seelsorgebereich F des Dekanates Neuss-Nord. Seit 1993 hatte die Pfarrgemeinde St. Barbara keinen eigenen Pfarrer mehr und wurde seither von den Seelsorgern von St. Marien betreut. Seit dem 1. Januar 2004 wurde sie wieder der Pfarrgemeinde St. Marien angegliedert und die Barbarakirche zweite Filialkirche.

Joseph Lange im Begrüßungsheft für neue Gemeindemitglieder

Ergänzung: Zum 1. Januar 2008 wurde die Gemeinde St. Marien mit den Gemeinden St. Quirin, Hl. Dreikönige und St. Pius X. zur Pfarreiengemeinschaft „Neuss-Mitte“ zusammengelegt. Später wurde sie dem neuen Dekanat Neuss/Kaarst im Kreisdekanat Rhein-Kreis Neuss zugeordnet.

Joseph Lange, der viele Jahre lang Leiter des Neusser Stadtarchivs war, hat auch ein Buch über die Geschichte der Pfarrgemeinde geschrieben. Dieses kann man z.B. bei amazon.de kaufen.