- Geschichte der Kirche

Vor 100 Jahren zweite Gemeinde gegründet - St. Marien beendete das Mittelalter

Nach einer alten Neusser Regel darf hierzulande kein Gebäude höher sein als der Turm von St. Quirin. Aber wie das im Rheinland so üblich ist: Regeln sind dazu da, um gebrochen zu werden. So überragte der Turm der neuen Pfarrkirche St. Marien mit seinen beinahe 80 Metern den des Münsters bei weitem.

Doch als in der Osteroktav des Jahres 1902, also vor rund 100 Jahren, der prachtvolle Kirchenbau der sechs Jahre zuvor gegründeten katholischen Pfarrgemeinde St. Marien eingeweiht werden sollte, war der Turm des Gotteshauses noch gar nicht fertiggestellt. Den Festgästen der Einweihungsfeierlichkeiten, unter ihnen der Erzbischof von Köln, Dr. Hubertus Simar, bot sich der Anblick eines Torsos, denn der Turmhelm fehlte noch.

Überhaupt waren die vorbereitenden Maßnahmen erst kurz vor dem offiziellen Termin der Konsekration abgeschlossen worden. Dieser war auf den Dienstag nach Ostern gelegt worden, und erst am Karfreitag erfolgte die baupolizeiliche Abnahme und einen Tag später kam die Genehmigung des Bürgermeisters. Gewissermaßen fand das Mittelalter in Neuss erst vor 100 Jahren mit der Weihe der neuen Pfarrkirche sein endgültiges Ende. Über Jahrhunderte hinweg war das St.-Quirinus-Münster einzige Pfarrkirche gewesen. Pfarre und Stadt waren im katholischen Neuss weitgehend identisch. Mit St. Marien wurde eine neue Gemeinde gegründet und eine neuzeitliche Kirche gebaut. Man war sich einig, dass dem romanischen Münster eine neugotische Kirche als Pendant gegenübergestellt werden sollte.

Die Pfarrpatronin Maria erinnerte an die alte Gemeindekirche "Unserer Lieben Frau", die am Markt gestanden hatte, bevor sie beim Stadtbrand 1586 zerstört wurde. Aus ihren Trümmern wurde dann später das Observanten-Kloster, das heutige Zeughaus, erbaut. Grund für die Neugründung einer Neusser Pfarrgemeinde war die schiere Größe, die die Münsterpfarre mit weit mehr als 20.000 Seelen erreicht hatte. 1896 wurde daher das Rektorat St. Marien gegründet, dem zunächst die Sebastianus-Kirche zugewiesen wurde. Später errichtete man an der Kapitelstraße eine Notkirche. Als Standort für die eigentliche Pfarrkirche wurde der alte Friedhof vor den Toren der mittelalterlichen Stadt ausgesucht, dessen 1825 aufgestelltes Hochkreuz noch heute südlich des Gotteshauses steht.

Die Grundsteinlegung nahm der Kölner Erzbischof, Dr. Hubertus Simar, während der Feierlichkeiten zum Quirinus-Jubiläum im Mai 1900 vor. Zwei Jahre später strebte der gewaltige Bau seiner Vollendung zu. Für das kleine Neuss waren die Neugründung der Marienpfarre und die Errichtung der majestätischen Marienkirche Ereignisse, die eine herausragende Bedeutung im Leben der Stadt hatten. Jahrelang waren die Fragen, die sich um die neue Kirche und Pfarre drehten, bestimmendes Tagesgespräch. Als der Tag der Einweihung kam, waren Tausende auf den Beinen. Der Kölner Reichstagsabgeordnete, Justizrat Dr. Trimborn, ließ sich sogar zu der Meinung hinreißen, mit dem Bau einer zweiten Pfarrkirche habe Neuss den ersten Schritt zur Großstadt getan. Doch führte dies nur zu allerlei Heiterkeit im Publikum.

Dennoch hatte die neue Kirche etwas großstädtisches an sich. Allein die Größe des Baus mit einer Länge von über 65 Metern und einer Breite von 27 Metern ging über die bis dahin bekannten Neusser Maßstäbe hinaus. Überzeugte der Außenbau von St. Marien durch seine vollendet ausgeführte neugotische Gestaltung, so beeindruckte der weite Innenraum der Hallenkirche durch seine prunkvolle Ausstattung, die durch großzügige Familien der neuen Gemeinde ermöglicht worden war. Immer wieder wurde die Pfarrpatronin zum Gegenstand künstlerischer Interpretation, so besonders bei den Kirchenfenstern. Baumeister von St. Marien war der Neusser Ratsherr und Architekt Julius Busch. Mit der neugotischen Kirche habe Busch sein "reifstes und eindrucksvollstes Werk" geschaffen. Dieser Meinung ist jedenfalls der ehemalige Stadtarchivar Joseph Lange, der mit vielfältigen Publikationen zu St. Marien hervorgetreten ist.

Der in Neuss aufgewachsene Regierungsbaumeister Julius Busch, der führendes Mitglied der katholischen Zentrumspartei war, ist in Neuss verschiedentlich tätig geworden. So stammen die Pläne der Pfarrkirche St. Josef auf der Neusserfurth ebenso von ihm wie die alte Kapelle auf dem Hauptfriedhof. Manches hat den letzten Krieg aber nicht überstanden. Auch St. Marien selbst ist in den aliierten Bombardements von 1942 und 1944 untergegangen. Beim letzten Pfarrpatrozinium, am 8. Dezember 2001, erinnerte der aus St. Marien stammende Alt-Abt Klaus Jansen an den schrecklichen Anblick des zerstörten Gotteshauses.

"Meine Kirche hat geweint", meinte der Geistliche vor der ergriffenen Zuhörerschar. Inzwischen ist St. Marien wiedererstanden. Der weitaus schlichtere Bau bleibt einer weiterhin lebendigen Gemeinde Heimstatt. Und eines hat der bescheidenere Wiederaufbau bewirkt. St. Quirin hat wieder den höchsten Kirchturm weit und breit.

Carsten Greiwe im Mai 2002